Großer Fisch frisst kleinen Fisch – Wie wichtig ist Grammatik?

Genauer gefragt: Wie wichtig ist die Grammatik beim Erlernen einer Fremdsprache? Die Antwort lautet kurz gesagt: Je älter man ist, desto wichtiger ist die Grammatik.

Wenn Sie an die “Nativistische Universalgrammatik” glauben, so wie Noam Chomsky sie in seiner “Theorie der Generativen Transformationsgrammatik” beschreibt, dann glauben Sie, dass jedes Baby auf der ganzen Welt mit einem neurologisch angeborenen und im Gehirn verankerten Grammatiksystem auf die Welt kommt, das nur noch mit den Wörtern der jeweiligen Muttersprache gefüllt werden muss.
Neurologisch und von Geburt an so dermaßen komfortabel ausgestattet, dauert es dann auch nicht lange und schon spricht das Baby, dieser kleine neue Mensch nach wenigen Jahren entweder perfekt Deutsch oder Englisch, Spanisch, Russisch oder Chinesisch…

Möglich macht dies laut Noam Chomsky das neuronale sogenannte “Language Acquisition Device“ im Gehirn eines jeden neugeborenen Kindes, kurz gesagt das „LAD“, eine Bezeichnung, die sich auf Deutsch ganz schrecklich klingend mit „Spracherwerbsgerät“ übersetzen lässt. Aber glücklicherweise gibt es ja den englischen Ausdruck.

Wenn Sie nicht an die angeborene Universalgrammatik glauben, dann sind Sie vielleicht ein Anhänger der Theorien von Jean Piaget oder anderer kluger Köpfe, doch dann sollten Sie ab jetzt besser einen anderen Blog lesen.

Fast jeder Sprachlehrer, Sprachdozent, Sprachtrainer und jede Sprachlehrkraft – egal wie man diese Leute nennt – bestätigt, dass es das gibt, dieses “Language Acquisition Device“. Denn wenn es das nicht gäbe, dann könnten alle Sprachlehrkräfte in allen Ländern und in allen Kursräumen dieser Welt einfach ihre Sachen einpacken und nach Hause gehen.

Doch was passiert mit dem angeborenen „LAD“ im Laufe eines Menschenlebens? Warum lernen Babys und Kleinkinder so rasend schnell ihre Muttersprache? Und warum lernen Kinder und Jugendliche eine Fremdsprache meist sehr viel schneller als Erwachsene?
Das Gehirn eines Neugeborenen ist einerseits wie ein weißes Blatt Papier. Man kann alles darauf schreiben. Und andererseits wie ein Schwamm, der begierig alle Informationen aufsaugt, derer er nur habhaft werden kann. Hinzu kommt, dass Kleinkinder, Kinder aber auch Jugendliche noch über eine Gedächtnisleistung verfügen, um die Erwachsene sie nur beneiden können.

Doch wie ordnet ein Kleinkind, wenn es anfängt zu sprechen, all diese Informationen zu vollständigen und zumeist korrekten Sätzen? Hier kommt das “Language Acquisition Device“ ins Spiel und mit diesem die angeborene Universalgrammatik.

Kein Kleinkind und kein Kind auf der ganzen Welt denkt beim Sprechen der Muttersprache über Grammatikregeln nach oder darüber, ob die von ihm gesprochenen Sätze wohl korrekt sind oder nicht.

Von kleineren Patzern abgesehen, produziert jedes Kind – egal in welcher Muttersprache – automatisch grammatikalisch korrekte Sätze. Dabei liegt die Betonung auf der Produktion von Sätzen. Denn ein Kind kopiert nicht nur die grammatikalisch korrekten Sätze, die es von Erwachsenen gehört hat, sondern generiert mithilfe der angeborenen Grammatik und einer Vielzahl von neuen Wörtern, die täglich auf das Kind herniederprasseln, ganz individuell und völlig unabhängig von Erwachsenen komplett neue Sätze, die so voher noch nie gesagt wurden.

Kein Mensch auf der ganzen Welt hat je seine eigene Muttersprache auswendig gelernt.
Und kein Mensch auf der ganzen Welt hat jemals eine Fremdsprache auswendig gelernt.
Sollte irgendein Mensch dieses sinnlose Unterfangen doch einmal versucht haben, eine Fremdsprache auswendig zu lernen, dann wird er sehr schnell gemerkt haben, dass das nicht geht.

Es gibt leider so manches Sprachlehrwerk und so manche Sprachlehrkraft, die bei den Sprachlernenden den Eindruck erwecken wollen, Grammatik sei nicht so wichtig und man müsse halt viel auswendig lernen. Dabei handelt es sich in der Regel um Lehrwerke, bei denen man für den Grammatikteil keine guten Autoren gefunden hat, und um Lehrkräfte, die von Grammatik selber keine Ahnung haben oder zumindest nicht in der Lage sind, diese zu erklären.

Grammatik bedeutet Logik und Logik ist universal.

In jedem grammatikalisch vollständigen Satz in allen Sprachen dieser Welt braucht man mindestens ein Subjekt und ein Prädikat. Das heißt: Irgendjemand oder irgendetwas muss etwas tun, also eine Aktion ausführen. Denn wenn in einem Satz niemand und nichts irgendetwas tut, dann kann man besser gleich den Mund halten und sollte diesen nicht existenten Satz und diese nicht existierende Information lieber für sich behalten.

Mit diesem Wissen kommen Babys bereits auf die Welt. Babys beherrschen sogar Nebensätze.

Ich (Subjekt) schreie (Prädikat) jetzt (Temporaladverb), bis (temporale unterordnende Konjunktion) Mama (Subjekt) kommt (Prädikat).

Diese gedankliche Logik bzw. Grammatik ist im Gehirn des Babys bereits vorhanden. Als Kind wird es diesen Satz egal in welcher Muttersprache dann auch laut sagen können, ohne dass sich irgendetwas an der Logik bzw. Grammatik geändert hätte.

Gute Sprachlehrwerke und gute Sprachlehrkräfte für Deutsch als Fremdsprache verdeutlichen den zumeist erwachsenen Sprachlernenden, dass es in der deutschen Grammatik nichts – aber auch rein gar nichts – gibt, was es in ihren eigenen diversen Muttersprachen nicht auch gäbe.
Ein wahrhaft tröstlicher Gedanke für all die erwachsenen Spracherwerbler, deren Gehirne nicht mehr so unbeschrieben und unvoreingenommen sind wie die der Kinder. Kein weißes Blatt Papier mehr und auch kein Schwamm. Doch zumindest ihre angeborene Universalgrammatik haben sie bis ins Erwachsenenalter hinüberretten können!

Die Universalgrammatik existiert zunächst einmal als unsichtbares und unhörbares Grundgerüst in jeder Sprache. Es ist die Logik. In dem Moment, in dem die Menschen wo auf immer auf der Welt anfingen, ihre eigenen Wörter an diesem Gerüst aufzuhängen, entstanden ihre Sprachen. Doch das Gerüst selbst, nämlich die Logik blieb und bleibt immer die selbe.

Jedes Sprachlehrwerk, das genau diesen Punkt ignoriert, taugt nichts. Und jede Lehrkraft, die im Unterricht nicht genau an diesem Punkt, oder besser gesagt genau an diesem Phänomen anknüpft, sollte über einen anderen Beruf nachdenken.

In jedem Satz in allen Sprachen dieser Welt kann ein Satz neben Subjekt und Prädikat auch ein Akkusativobjekt haben. Das muss nicht immer so sein, ist aber sehr oft so. Zum Beispiel:

Großer Fisch (Subjekt) frisst (Prädikat) kleinen Fisch (Akkusativobjekt)

Die Artikel wurden in diesem Satz jetzt einmal bewusst weggelassen, da z.B. die slawischen Sprachen wie Polnisch oder Russisch und auch weitere Sprachen gar keine Artikel kennen!

Aber wie verhält sich das bei Lebewesen, die gar keine Sprache kennen oder haben, wie z.B. bei den Fischen…?

Schon in jenem urzeitlichen Ozean, wo sich die folgende Szene abspielte, dachte der große Fisch:

„Super. Ich bin das Subjekt. Und was ich gerne mache ist das Prädikat, nämlich Akkusativobjekte fressen.“

Wohingegen der kleine Fisch dachte:

„Verdammt…! Ich bin in diesem Fall echt das Akkusativobjekt… ! Und das Prädikat von dem Subjekt da hinter mir, das gefällt mir gar nicht…! Also nichts wie weg hier..!

So hat sich die Grammatik also schon vor Abermillionen von Jahren in irgendeinem urzeitlichen Ozean abgespielt. Der einzige Unterschied zu heute und zu uns Menschen ist:

Die beiden Fische haben nicht darüber gesprochen.

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